Essen in Grönland – Zwischen alten Traditionen und neuen Herausforderungen
Zu Hause ernähre ich mich meistens vegan und glutenfrei. Auf Reisen nehme ich es damit etwas lockerer – nur Milch meide ich konsequent, weil ich sie gar nicht vertrage. Grönland hat mich gezwungen, flexibel zu sein – und mir gleichzeitig gezeigt, wie viel möglich ist, selbst mit Unverträglichkeiten. Mit ein bisschen Vorbereitung und Offenheit können selbst Ernährungseinschränkungen zu einem Schlüssel werden, um Land und Leute auf eine ganz neue Weise kennenzulernen.
Ilulissat
In Ilulissat wurde mir schnell klar, dass Essen hier seinem ganz eigenen Rhythmus folgt. Fast alles wird importiert, und als das Versorgungsschiff einmal wegen des Packeises nicht durchkam, waren die Regale im Supermarkt relativ leer. Zwei Tage später legte das Schiff an – und plötzlich waren die Gänge wieder voll. Es gab frisches Obst und Gemüse: Ein Kopf Salat kostete rund 5 Euro, während ein großes Stück Heilbutt nur 2–3 Euro kostete. Ich musste schmunzeln – zu Hause in Deutschland ist es meist genau umgekehrt.
Die beiden Hauptsupermärkte, Pisiffik und Brugseni, haben in der Regel ein ganz gutes Sortiment und führen auch glutenfreie oder pflanzliche Produkte – sicher ist das aber nie. Wer spezielle Ernährungsbedürfnisse hat, sollte daher unbedingt ein paar Grundzutaten von zu Hause mitbringen, zum Beispiel glutenfreie Basics, vegane Ersatzprodukte oder Hafermilchpulver.
Ich übernachtete im Hotel Søma, welches eine kleine Küchenzeile hatte, sodass ich viele Mahlzeiten selbst zubereiten konnte. Das Hotel hatte mir auch glutenfreie Brötchen und Sojamilch organisiert – eine schöne Überraschung.
Essen gehen ist in Ilulissat nicht ganz günstig: Ein Mittagessen kostet etwa 15–20 Euro, ein Abendessen 30–40 Euro. Im Winter fand ich immer problemlos einen Platz, im Sommer sollte man besser reservieren. Viele Restaurants bieten inzwischen auch vegetarische oder sogar vegane Gerichte an – zum Beispiel das Café Iluliaq. In unserem Ilulissat Reiseführer findet ihr noch mehr Informationen zu den verschiedenen Restaurants in Ilulissat.
Während der Tagesausflüge
Von Ilulissat aus habe ich ein paar unvergessliche Tagesausflüge gemacht, bei denen Essen und Kultur ganz selbstverständlich zusammengehörten. In der Igloo Lodge, weit draußen in der Stille, saßen wir in einer kleinen Hütte neben den Iglus, nur bei Kerzenlicht, und aßen Moschusochseneintopf und getrocknetes Rentierfleisch. Zu Hause esse ich kaum Fleisch, aber hier wollte ich probieren – es fühlte sich echt an, verbunden mit dem Ort und seinen Traditionen. Mein Kollege Dominic hat übrigens zu seinem Besuch in der Igloo Lodge auch einen tollen Reisebericht geschrieben.
In Oqaatsut, einem kleinen Dorf am Meer, musste ich die Krabbensuppe wegen meiner Milchunverträglichkeit auslassen, bekam aber stattdessen einen frischen Salat – ganz unkompliziert. Ich habe schnell gemerkt: Wenn man an solchen Ausflügen teilnimmt, ist es wichtig, vorher Bescheid zu sagen, was man nicht isst oder nicht verträgt. Die Leute geben sich wirklich Mühe, aber sie können nur Rücksicht nehmen, wenn sie es wissen. Dieser kleine Hinweis macht das Erlebnis gleich viel angenehmer.
Auch beim Fliegen lohnt sich etwas Vorbereitung: Für meinen Flug mit Air Greenland hatte ich ein glutenfreies, veganes Menü vorbestellt – und ehrlich gesagt war ich überrascht, wie frisch und lecker es war.
Nuuk
Ich habe auch mit meiner Kollegin Helle darüber gesprochen, wie es in Nuuk mit dem Essen ist. Sie erzählte mir, dass die Hauptstadt viel mehr Auswahl bietet als die kleineren Orte, die ich besucht hatte. In Supermärkten wie Brugseni gibt es vegane Joghurts, Milchalternativen und andere Spezialprodukte, die man anderswo kaum findet. Sie erwähnte auch Cafés und Restaurants wie Pascucci, wo viele Gerichte für Vegetarier oder Veganer angepasst werden können, und ein neues Lokal namens Nivi, das lokale Zutaten mit moderner Küche verbindet.
Gleichzeitig gibt es in Nuuk aber auch noch den Kalaaliaraq-Markt, wo Jäger und Fischer frischen Heilbutt, Rentier, Seehund und Wal verkaufen – Tradition direkt neben modernen Food-Trends.
Während ich Helle zuhörte, wurde mir klar, wie stark Nuuk zwei Welten miteinander verbindet: die raue arktische Kultur und eine moderne, wachsende Food-Szene, die das Leben auch für Menschen mit Unverträglichkeiten deutlich einfacher macht.
Kangerlussuaq
Kangerlussuaq war eine ganz andere Erfahrung. Der Supermarkt hatte nur eine begrenzte Auswahl – besonders, wenn man versucht glutenfrei zu essen. Zum Glück hatte ich ein paar Müsliriegel von zu Hause dabei. In der Polar Lodge, wo ich übernachtet habe, gab es eine Gemeinschaftsküche. Dort habe ich einfache Mahlzeiten gekocht – Kartoffeln, Gemüse, nichts Besonderes, aber es hat für meine Bedürfnisse völlig ausgereicht.
In Kangerlussuaq gibt es auch ein Hotel mit einem Frühstücksbuffet. Ich habe es selbst nicht ausprobiert, aber von anderen Reisenden gehört, dass die Auswahl für glutenfreie oder vegane Ernährung eher begrenzt ist. Das hat mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig gute Vorbereitung ist, wenn man in Grönland unterwegs ist.
Kultur & Respekt
Nach den Tagen in Ilulissat, Oqaatsut und der Igloo Lodge – mit dem Bellen der Schlittenhunde in der Ferne, dem Knirschen des Eises unter den Schuhen und dem flackernden Kerzenlicht in der Hütte – begann ich, anders über Essen und Tradition in Grönland nachzudenken.
Gerade diese Gegensätze machen die Esskultur hier so spannend: Auf der einen Seite jahrhundertealte Bräuche, in denen jedes Teil eines Tieres genutzt wird. Auf der anderen Seite der Einfluss von Reisenden, die neue Bedürfnisse und Erwartungen mitbringen.
Diese Spannung zwischen Alt und Neu wurde mir eines Nachmittags besonders deutlich. Während einer Bootstour zwischen den Eisbergen steuerte unser Skipper plötzlich auf ein kleines Fischerboot zu. Wir beobachteten, wie die Männer ihren Fang einholten – ohne moderne Technik, nur mit einer einfachen Leine.
In der Igloo Lodge traf ich später ein Paar, das lautstark über Walfang und Robbenjagd sprach und sie als Tierquälerei bezeichnete. Ironischerweise saßen dieselben Leute kurz darauf am Tisch und aßen mit großem Appetit den Moschusochseneintopf. Dieser Moment blieb mir im Gedächtnis – er machte mir bewusst, wie leicht es ist, von außen zu urteilen, und wie viel komplexer die Realität hier ist.
In Grönland hatte ich das Gefühl, dass man im Einklang mit der Natur lebt, nicht gegen sie.
Seit Generationen folgen die Menschen hier dem Rhythmus der Jahreszeiten, leben von dem, was die Natur hergibt: Fisch aus eiskalten Gewässern, Fleisch aus der Jagd, Beeren und Kräuter hauptsächlich aus Südgrönland. In einem Land, in dem kaum etwas wächst, bedeutete Überleben, jede Ressource zu schätzen und nichts zu verschwenden.
Die Geschichten, die ich von Einheimischen hörte, handelten von langen Wintern, von Genügsamkeit und von einem stillen Stolz darauf, mit dem auszukommen, was da ist. Diese Ruhe und Achtung vor der Natur spürt man bis heute – in jeder Mahlzeit und in jedem Gespräch am Tisch.
Man muss nicht alles selbst essen, aber Respekt vor der Kultur gehört dazu – sonst verpasst man das, was Grönland wirklich ausmacht.
Fazit
Mit seinem Kontrast zwischen importierten Lebensmitteln und traditionellen Speisen hat mich Grönland herausgefordert – und gleichzeitig überrascht, wie viel doch möglich ist. Ich habe gelernt, dass man mit etwas Flexibilität und Vorbereitung auch mit Unverträglichkeiten gut reisen kann – und dass genau das die Erfahrung sogar noch bereichernder macht.