Sermermiut im Winter – Sermermiut im Winter – Stille, Schnee und Geschichten
An meinem ersten Tag in Grönland nahm ich an einer Winterwanderung nach Sermermiut teil – einem historischen Ort am Rand des Ilulissat-Eisfjords. Damals wusste ich noch nicht, wie sehr mir dieser kurze Weg im Gedächtnis bleiben würde. Wir trafen uns in der Stadt – unser Guide, ein Vater mit seinem Sohn und ich. Ein kleiner Van brachte uns an den letzten Häusern von Ilulissat vorbei bis zum Ausgangspunkt des Weges. Der Schnee war frisch, der Himmel blass, und die Landschaft wirkte still und weit. Als wir ausstiegen, veränderte sich die Atmosphäre sofort. Keine Autos, keine Stimmen – nur das Knirschen unserer Schritte im Schnee und irgendwo in der Ferne das Bellen vieler Schlittenhunde. Der Wind strich über unsere Gesichter, aber in den Momenten, in denen er nachließ, wurde es fast unwirklich still.
Der Weg
Der Weg vor uns war der sogenannte World Heritage Trail – ein Holzsteg, der bis zu einem Aussichtspunkt am Eisfjord führt. Im Sommer ist er gut ausgebaut, klar erkennbar und sogar barrierefrei.
Im Winter ist davon kaum etwas zu sehen.
Die Planken verschwinden unter dem Schnee, der Weg wird unklar. Wir folgten den Spuren anderer und vertrauten unserem Guide.
Er blieb immer wieder stehen und erzählte – von den Menschen, die hier gelebt haben, von den Veränderungen des Gletschers im Laufe des Jahres und davon, wie eng Leben und Eis in Grönland miteinander verbunden sind. Es war keine lange Wanderung, aber sie wurde zu einer nachdenklichen.
Gerade im Winter war ich froh, geführt zu werden – nicht nur wegen der Orientierung, sondern auch, weil ich vieles sonst gar nicht wahrgenommen hätte.
Wir gingen langsam. Der Schnee machte uns vorsichtig, und die Aussicht ließ uns immer wieder stehen bleiben.
An einer Stelle bat uns der Guide, einfach zuzuhören.
Wir standen am Rand des Fjords, vor uns eine gefrorene Weite, durchzogen von Eisbergen. Das einzige Geräusch war der Wind – und für einen Moment nicht einmal der.
Sermermiut und der Ilulissat-Eisfjord
Der Eisfjord vor uns ist UNESCO-Welterbe und wird vom Sermeq Kujalleq gespeist – dem produktivsten Gletscher der Nordhalbkugel. Jedes Jahr kalbt er 35 bis 40 Kubikkilometer Eis und schafft so ein ständig wechselndes Feld aus Eisbergen, von denen einige die Größe von Wohnhäusern erreichen.
Während wir dort standen, versuchte ich mir vorzustellen, wie es gewesen sein muss, hier vor Tausenden von Jahren zu leben.
Was ich an diesem Tag gelernt habe – und was mir besonders in Erinnerung geblieben ist – war, dass Sermermiut nicht nur ein Aussichtspunkt ist. Über mehr als 4.000 Jahre hinweg war dieser Ort Heimat verschiedener Inuit-Kulturen. Auch wenn heute keine Gebäude mehr stehen, ist die Geschichte hier spürbar.
Im Sommer lassen sich noch die Umrisse alter Behausungen erkennen. Der Permafrost hat Artefakte und Gräber außergewöhnlich gut erhalten.
Ich hatte diesen Ort lange als unwirtlich empfunden. Doch als ich erfuhr, wie geschützt er liegt und wie gut er Zugang zu Fisch und Jagdgebieten bietet, begann ich ihn anders zu sehen.
Die Thule-Inuit siedelten sich hier um das Jahr 1100 an, und noch im 18. Jahrhundert – zur Zeit des Missionars Paul Egede – galt Sermermiut als die größte Inuit-Siedlung Grönlands.
Heute führt ein Holzsteg durch das Gebiet – eine bewusste und notwendige Maßnahme, um die empfindliche Umgebung zu schützen.
Unser Guide wies uns auf Schilder hin, die davor warnen, den Weg zu verlassen. Mir war zuvor nicht bewusst gewesen, dass durch kalbende Eisberge plötzlich Wellen entstehen können, die bis zu zehn Meter hoch werden.
Das war einer dieser Momente, in denen man versteht, wie nah Schönheit und Risiko hier beieinanderliegen.
Schwierigkeitsgrad
Der Weg nach Sermermiut ist kurz – und im Sommer gilt er als einfach. Der Steg ist trocken, gut markiert und leicht begehbar.
Im Winter verändert sich das deutlich.
Der Schnee verdeckt die Planken, und an manchen Stellen wird der Untergrund rutschig und uneben. Ich war froh, gutes Schuhwerk dabei zu haben.
Schon vor der Reise hatte ich gelesen, dass man im Winter nicht abseits des Weges gehen sollte – und nach dieser Erfahrung verstehe ich auch warum. Der Schnee kann täuschen, und besonders bei wenig Tageslicht verliert man schnell die Orientierung.
Auch die Eisbedingungen können sich schnell ändern.
Nach dieser Wanderung würde ich nicht empfehlen, den Weg im Winter allein zu gehen. Mit Guide ist man nicht nur sicherer unterwegs, sondern versteht auch besser, wo man sich eigentlich befindet.
Ein Besuch im Icefjord Centre
Nach der Wanderung gingen wir in das Icefjord Centre, direkt am Eingang des Weges. Das warme Holzinterieur und die großen Fenster bildeten einen starken Kontrast zur kalten Landschaft draußen.
Es war der perfekte Ort, um sich aufzuwärmen und die Eindrücke zu sortieren.
Die Ausstellung verbindet wissenschaftliche Inhalte mit persönlichen Geschichten. Man erfährt mehr über die Bewegung des Eises, das Klima und darüber, wie Menschen hier seit Jahrtausenden leben.
Was mich besonders beeindruckt hat, war, wie präsent der Klimawandel hier ist. Er wirkt nicht abstrakt – sondern greifbar.
Die Geschwindigkeit, mit der sich das Eis bewegt, Berichte über sich zurückziehende Gletscher und Veränderungen bei Wetter und Schneeverhältnissen – all das fühlt sich sehr nah an.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, wie sich das schwindende Meereis auf die Jäger auswirkt. Der gefrorene Fjord, früher eine sichere Route für Hundeschlitten, ist heute nur noch für einen deutlich kürzeren Zeitraum passierbar.
Mir wurde klar, wie eng Alltag und Tradition hier noch immer mit dem Eis verbunden sind.
Das Zentrum ist auf Grönländisch, Dänisch und Englisch gestaltet – und ergänzt das Erlebnis draußen auf eine sehr eindrückliche Weise.
Besucherinformationen:
Die Öffnungszeiten variieren je nach Saison – bitte vorab online prüfen.
Eintritt:
Erwachsene: 150 DKK
Kinder (7–15 Jahre): 100 DKK
Kinder unter 7 Jahren: kostenlos
Vor Ort gibt es ein Café, einen Shop sowie sanitäre Einrichtungen.
Weitere Informationen sind hier zu finden: https://isfjordscentret.gl/
Fazit
Rückblickend bin ich froh, diesen Weg nicht allein gegangen zu sein.
Im Winter verändert der Schnee alles – der Weg wird schwerer zu erkennen, der Untergrund uneben, und selbst kurze Strecken fühlen sich anders an.
Im Sommer ist die Erfahrung vermutlich eine ganz andere: klarere Wege, mehr Zeit durch das Licht der Mitternachtssonne und die Möglichkeit, den Ort auch allein zu erkunden.
Für mich aber hat gerade die Kombination aus Natur, Geschichte und den Erklärungen vor Ort den Unterschied gemacht.
Sie hat aus einem Spaziergang ein Erlebnis werden lassen.