Oqaatsut im Winter – Wie ein Ort mit 30 Menschen mein Herz eroberte
Mein Abenteuer in die schneebedeckten Welt von Oqaatsut begann vor dem Shop Siku, direkt neben dem Hotel Hvide Falk in Ilulissat. Eine kleine Gruppe von uns stieg in ein Auto, das uns zum Hafen brachte, wo die meisten kleinen Boote aussahen, als wären sie mitten auf ihrer Flucht stecken geblieben – festgefroren im Eis. Vorsichtig gingen wir zum Rand der Bucht, wo uns die Guides halfen, in ein kleines, überdachtes Boot zu steigen, das sanft am Rande des Winters schaukelte.
Wenn sich im März das Eisfenster öffnet
Diese außergewöhnliche Tour gibt es nur im März – genau dann, wenn das Meereis langsam aufbricht und die Boote wieder ihren Weg hindurch finden. Im Februar ist das Eis meist noch zu dick, und Oqaatsut bleibt komplett vom Meer abgeschnitten. Der März öffnet also ein kleines Fenster im Winter, in dem Reisen überhaupt möglich wird – und genau das macht dieses Erlebnis so besonders und abenteuerlich.
Die Bootsfahrt war pure Magie. Etwa eine halbe Stunde glitten wir durch eine eisige Welt, vorbei an treibenden Eisbergen, die in ihrer gewaltigen Ruhe wie schlafende Giganten wirkten. Unter uns knackte das Meereis, zur Rechten glitzerte die Diskobucht – und ich hatte das Gefühl, mitten in eine riesige Schneekugel hineinzufahren.
Ankunft auf dem Eis und Eintritt in eine andere Welt
Dann kam der wirklich „coole“ Teil – im wahrsten Sinne des Wortes. Der Hafen von Oqaatsut ist um diese Jahreszeit komplett zugefroren, kein Boot kann dort anlegen. Also stiegen wir direkt aufs Eis – rund zwei Meter dick, hart wie Beton und erstaunlich gut begehbar (auch wenn ich das Tanzen lieber bleiben ließ).
Die Guides vom Restaurant H8 empfingen uns direkt auf dem Eis, halfen uns beim Überqueren und gaben erste Einblicke in das Leben in dieser kleinen Siedlung mit etwa 30 Einwohnern – und vermutlich doppelt so vielen Schlittenhunden.
Oqaatsut liegt abgeschieden, rund 20 Kilometer nördlich von Ilulissat – und doch fühlt man sich sofort willkommen. Die bunten Häuser, das Bellen der Hunde und die vielen Geschichten, die hier zwischen harter Natur und herzlicher Gemeinschaft entstehen, verleihen dem Ort einen ganz eigenen Zauber. Während einige aus unserer Gruppe die Schneeschuhe schnürten, entschied ich mich für etwas, das ich bis heute keine Sekunde bereue: eine Fahrt mit dem Hundeschlitten.
Schlittenhunde und arktische Stille
Beim H8 bekam ich einen warmen Ganzkörperanzug – das Modell „grönländischer Fischer“, wie ich es nenne – und verwandelte mich damit in eine etwas unbewegliche, aber herrlich warme Marshmallow-Version meiner selbst. Mein Musher war währenddessen schon dabei, das Hundeteam startklar zu machen. Viel sagen musste er nicht – die Hunde wussten genau, was gleich passieren würde, und konnten es kaum erwarten. Sie sprangen, heulten und zappelten voller Vorfreude. Kurz darauf ging’s los.
Wir glitten über die gefrorene Bucht hinaus in die weite, stille Landschaft des Hinterlandes. Kein Wind, kein Motor, kein Empfang – nur das gleichmäßige puff puff der Pfoten im Schnee und die leisen Rufe des Mushers. Es ist kaum in Worte zu fassen, wie es sich anfühlt, von einem Hundeteam durch diese weiße Wildnis gezogen zu werden – „wild friedlich“ beschreibt es vielleicht am besten. Irgendwo in einem weiten, schneebedeckten Tal hielten wir an. Die Hunde ruhten, wir auch. Kein Haus, keine Straße, kein Laut. Nur Eis, Schnee, Himmel – und eine Ruhe, die man nicht beschreiben, sondern nur spüren kann.
Eine Schüssel Suppe, die mein Leben veränderte
Nach etwa einer Stunde kehrten wir zurück ins Dorf – mit roten Wangen, einem breiten Grinsen und Zehen, die langsam wieder auftauten. Im Restaurant H8 wurde ich herzlich empfangen – eine kleine, gemütliche Stube mit Holzofen, warmherzigen Menschen und großartigem Essen.
Ich bestellte die Shrimpsuppe (Spoiler: sie hat mein Leben verändert) und dazu ein grönländisches Bier namens Qajaq – überraschend gut! Die Shrimps waren so frisch, süßlich und zart, dass ich kurz überlegte, dem Koch einen Liebesbrief zu schreiben. Das Restaurant verwendet ausschließlich Fisch und Fleisch aus der grönländischen Natur – wer Allergien oder besondere Essenswünsche hat, sollte das am besten vorher mitteilen.
Siedlungs-Impressionen – und ein Abschied, der Spuren hinterlässt
Nach dem Mittagessen streiften wir noch ein wenig durch die Siedlung. Es gibt hier eine winzige Schule, die zugleich als Kirche dient, ein Gemeinschaftshaus, in dem die Einheimischen Wäsche waschen und duschen (denn die meisten Häuser haben kein eigenes Badezimmer), und ein erstaunlich cleveres Entsalzungssystem, das Meerwasser in Trinkwasser verwandelt. Praktisch und traditionsbewusst zugleich – das ist Oqaatsut in Kurzform.
Es war ein Tag voller Kontraste: das sanfte Gleiten des Hundeschlittens über das Eis, begleitet von warmer Suppe und der stillen Weite des Schnees.
Ein kleiner Hinweis vorab:
Die Schlittenfahrt kann ziemlich holprig werden – besonders über zugefrorene Seen, die selten eine glatte Oberfläche haben. Wenn du Probleme mit Rücken, Beinen oder Nacken hast, solltest du das vor der Fahrt bedenken.
Alleinreisende: Es kann sein, dass du dir den Schlitten mit einem weiteren Reisenden teilst. Auf meiner Tour war ich allerdings allein unterwegs – nur ich, der Musher und ein unglaublich motiviertes Hundeteam.
Schließlich kam der Moment des Abschieds. Wir überquerten noch einmal das Eis, stiegen in unser kleines Boot und fuhren zurück nach Ilulissat – unter einem Himmel, der sich im Abendlicht langsam rosa färbte.
Oqaatsut im Winter ist mehr als nur ein Reiseziel. Es ist ein stiller, besonderer Moment – wenn das Eis uns wieder willkommen heißt, fernab, in einem authentischen, schneebedeckten Teil Grönlands. Und die beste Shrimpsuppe, die ich je gegessen habe.